Freitag, 26. Februar 2016

MYTHOS WALD


Mythos Wald
  ...ein Sehnsuchtsort und ein Kindheits- und Erinnerungsort...
...ein Seelenlandschaftsort für viele Denker, Dichter und Schriftsteller...
...ein Inspirationsort für Maler, Zeichner, Fotografen und Textilschaffende...
...ein Lebensort für viele Tierarten...
...ein Ort der Ruhe und Erholung für jeden von uns...

Ein Quilt von Jacqueline Heinz aus dem Atelier Wolfenbüttel white forest
Unterwegs auf dem "Baumwipfelpfad"


In meiner "Sammlung" befinden sich einige Quilts mit Baumlandschaften und Wäldern. Während einer Winterwanderung durch den zauberhaft verschneiten Harz Anfang Februar habe ich darüber nachgedacht, was uns Deutsche, wie fast keine andere Nation auf der Welt, so am Wald fasziniert. Diese Liebe zu den Wäldern ist sicher nicht angeboren - vielleicht liegt es daran, dass der MYTHOS WALD  von  Generation zu Generation  durch Anekdoten, Märchen, Redewendungen, Geschichten und Gedichte berühmter Schriftsteller und Dichter weitergegeben wird. 


Ein textiler Quilt von Jacqueline Heinz aus Wolfenbüttel Art Textil
Detailaufnahme "WHITE FOREST"  2014 - 110 x 110 cm



Meine ersten Walderfahrungen gehen zurück in die Kindheit. Da war diese grüne, hohe Wand direkt vor meinem Kinderzimmerfenster -  der Dinkelberg - ein kleiner Gebirgszug am südlichen Ende des Südschwarzwaldes. Den Hochschwarzwald habe ich in der Jugendzeit nur als Wintersportort mit Pisten und Liftanlagen wahrgenommen. Waldspaziergänge oder gar Wanderungen waren mehr Strafe als Vergnügen.  ..... zum weiterlesen des Textes bitte nachfolgendes  WEITERLESEN anklicken :-)))



Als Teenager prägte mich die deutschlandweite, panikartige Sorge um den Wald, denn in den 80er Jahren rückte das Waldsterben in den Mittelpunkt. Bilder von abgestorbenen, toten Wäldern soweit das Auge reicht. Der Wald war verloren - Weltuntergangsstimmung! Man fühlte sich hilflos, so groß schien das Problem und wir "die Menschen" waren dafür verantwortlich.

Die ersten positiven Walderfahrungen machte ich erst in Oregon in den U.S.A., wo ich von 1990 bis 1993 lebte. In Oregon ist man stolz auf die Natur - die Wälder, die alten Baumriesen, den "old growth forest" und die Schönheiten, die sich in den Wäldern verbergen. Hiking, Rafting und Camping klingen nach Abenteuern in der Wildnis und haben auf keinen Fall etwas mit dem "unmodernen" Wandern in Deutschland in den 90er Jahren zu tun. Aber auch in Oregon gab es nicht nur die "heile" Baumwelt. Die rigorose Abholzung ganzer Berge und Täler bewegte die Menschen. Damals waren fast 150.000 Menschen in der Holzindustrie in Oregon beschäftigt. Die großflächige Abholzung bedrohte den Lebensraum vieler geschützter Waldtiere. Deshalb ließ die Clinton-Regierung nach jahrelangem Kampf mit den Naturschützern große Bereiche der Wälder in Oregon unter Naturschutz stellen. Mittlerweile bietet der Tourismus fast genau so viele Arbeitsplätze, als durch den Wegfall der Holzindustrie verloren gegangen sind. 

Nach der Zeit in Oregon habe ich mehrere Jahre in der Nähe von Freiburg gewohnt und den Hochschwarzwald mit ganz anderen Augen wiederentdeckt und lieben gelernt. Seit mehreren Jahren lebe ich aber nun in Norddeutschland und das nächst größere Waldgebiet vor meiner Haustür ist der Harz. Ich gestehe, dass es nicht einfach war, mich mit dem Harz anzufreunden. Hoch im Norden Deutschlands träumte ich plötzlich von der alten Heimat - dem Südschwarzwald, dieser wunderbaren Kulturlandschaft mit den grünen bewirtschafteten Weiden, den sanft ansteigenden Hügeln, den wunderbaren dunklen Tannenwäldern und den weiten Fernblicken über die Berge hinweg, bis zu den Schweizer Alpen, verbunden mit den Schwarzwälder Traditionen, den alten Bauernhöfen, die dort seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden, dem guten Essen und den urigen Einwohnern und dem gewohnten Dialekt - dem Badischen oder dem Alemannischen.

Wanderung zum Brocken Ende Januar 2016
All das hat der Harz auf den ersten Blick wirklich nicht zu bieten. Dominiert wird der Harz vom 1141 Meter hohen Brocken, der früher zur DDR gehörte und dem Militär vorbehalten war. Die Infrastruktur musste nach der Wiedervereinigung erst mühsam wieder aufgebaut werden. Die Waldgebiete um den Brocken herum wurden zum  Nationalpark Harz. Das einmalige Oberharzer Wasserregal (ein aus der Bergbauzeit stammendes 500 kilometerlanges Bewässerungs-system bestehend aus 143 Stauteichen und Wassergräben)  ist seit 2010 UNESCO Weltkultur-erbe, gemeinsam mit dem Bergwerk Rammelsberg und der Altstadt Goslar. Ein weiteres Highlight ist die Brockenbahn, durch die mehrmals täglich Tausende von Besuchern auf den Brockengipfel gelangen. Gastronomie und das Wanderwegenetz entwickeln sich stetig weiter, sogenannte Walderlebniseinrichtungen entstehen nahe den Tourismusorten und locken neue Besucher und erfreulicherweise auch viele Familien auf Baumwipfel- und Baumwurzelpfade. Der Wald als Naherholungsgebiet (was für ein Wort) wird wiederentdeckt.

Für mich ist der Wald ein Ort der Ruhe und Erholung bei gleichzeitiger intensiver Bewegung an der frischen Luft. Ein Ort zum Nachdenken, der Meditation, der Inspiration. Ich brauche kein Wellnesshotel, keine Yogamatte, keinen Stepper oder etwa ein Laufband. Ich bewege mich im Wald - bereits wenige Kilometer vom Parkplatz entfernt ist man alleine unterwegs und trifft nur noch vereinzelt auf andere Waldbesucher. 


Brockenbahn zum Gipfel Januar 2016
Über 30% der Fläche von Deutschland ist bewaldet - wobei  im Vergleich der einzelnen Bundesländer Baden-Württemberg fast 40% Waldfläche vorweisen kann. Niedersachsen hat hingegen große landwirtschaftlich genutzte Ackerflächen und deshalb etwas weniger Wald; dafür aber wunderschöne Allee-Straßen,  die man beim Blick über die Felder am Horizont sehen kann und  mich immer wieder zu Baum-Quiltlandschaften inspirieren. Sie gehören zum Kulturgut Nieder-sachens und prägen das Landschaftsbild erheblich. 


Jeder muss seinen eigenen Weg in den Wald finden - man kann niemanden dazu zwingen. Man muss nicht bis an das andere Ende der Welt reisen, um "seinen eigenen Wald" zu finden.

Übrigens - der Wald wird jetzt auch als Therapieort anerkannt. Mehrere japanische Gesundheitsstudien belegen die positive Wirkung auf Herz, Immunsystem und die Psyche. Die Japaner nennen diese Therapie "shinrin yoku" oder forest bathing was auf Deutsch soviel heißt wie Waldbaden. Wer mehr darüber wissen möchte - einfach "Waldbaden" im Internet eingeben.

Wir sehen uns also im Wald...

Eure Jacqueline Heinz